Selbstverständnis

Die Gruppe Antisemitismuskritik gründete sich nicht zuletzt aufgrund einer wahrnehmbaren Verschärfung antisemitischer Tendenzen in der (Leipziger) Öffentlichkeit seit dem Sommer 2014. Der Anstieg antisemitischer Begebenheiten, welcher periodisch im Zuge vermehrter (kämpferischer) Ereignisse im Nahen Osten zu verzeichnen ist, verlangt auch in Leipzig und besonders an den Hochschulen nach Gegenöffentlichkeit und schärfster Kritik. Es ist der Ekel, der manchen Menschen ins Gesicht geschrieben scheint, erwähnt man nur das eine Wort „Israel“, der uns da auffällt, es sind aber auch Veranstaltungen in der Universität, akademischer Boykott Israels oder der AK Nahost [1] (mitsamt antisemitischem Mob, den er auf die Straßen ruft). [2]

Antisemitischer Wahn

Antisemitismus ist keine Form des Rassismus und daher auch nicht im Sinne eines Vorurteils oder Stereotyps zu begreifen. Antisemitismus kann – im Gegensatz zu stereotypisierten Denkmustern – nicht positiv sich auswirken und ist nie konsequenzlos. Wie leicht erfahrbar, wenn man mit Antisemit_innen diskutiert – was tunlichst zu unterlassen ist – kann das Darlegen von Fakten über das Judentum oder Israel nichts bewirken. Welchen Nutzen sollen sogenannte „Begegnungsprojekte“ zwischen jüdischen Kindern und solchen anderen (oder keines) Glaubens haben, wenn doch eine beliebte Phrase vieler Antisemit_innen diese bleibt, selbst Juden_Jüdinnen zu ihren engsten Freunden zu zählen? Nein: will man mit „Begegnungen“ oder gar „Aufklärung“ über jüdisches Leben dem Antisemitismus zuvorkommen, müsste man doch einen wahren Kern antisemitischer Bilder ausmachen und diesen zugeben. In Anbetracht gängiger Ressentiments scheint dies jedoch abstrus. Antisemitismus begründet sich nicht auf reellen Erfahrungen mit oder tatsächlichen Merkmalen von Juden_Jüdinnen, er ist vielmehr wahnhafte Projektion und Ideologie – er „ist das Gerücht über die Juden [3][4]. Im Weltbild gefestigter Antisemit_innen sind Fakten nur „Verschleierung wahrer Umtriebe“ und das Argumentieren mit diesen rühre von „Verblendung“ der jeweiligen Nicht-Antisemit-innen. Dem Antisemitismus ist stets das Moment der Verschwörung immanent. Juden stecken hinter allen unverstandenen Vorgängen und abstrakten Herrschaftsformen, die nicht unmittelbar erfahrbar sind. Antisemit_innen haben die Schuldigen vor vorn herein ausgemacht und jedes tatsächliche Verhalten von Juden_Jüdinnen (oder Israel) wird ausgelegt, sodass es mit dem Weltbild übereinstimmt – verhalten sich Juden_Jüdinnen „normal und unauffällig“, hätten sie etwas zu verbergen.
Dabei „funktioniert“ der Antisemitismus auch ohne Juden_Jüdinnen. Feindbild sind nicht reelle Juden_Jüdinnen, sondern Ideen und Verhaltensweisen, die auf die Juden projiziert werden – die also im Juden verkörpert werden. Im antisemitischen Denken können nicht-jüdische Personen daher auch als „verjudet“ gelten und somit denunziert werden – ihnen müssen nur eben diese projizierten Umtriebe angedichtet werden.

Antisemitismuskritik als Gesellschaftskritik

Kritik des Antisemitismus ist – wie bereits angedeutet – dabei notwendigerweise auch eine Kritik an der Gesellschaft, in der diese Ideologie besteht. Wenn „Israel der bewaffnete Versuch der Juden [ist], den Kommunismus noch lebend zu erreichen“ [5], bedeutet dies – der Zionismus ist als Selbstschutz die jüdische Antwort auf den Antisemitismus – dass der Antisemitismus der Freien Gesellschaft entgegensteht. Dabei ist er nicht ein „Herrschaftsinstrument“ der Kapitalist_innen, wie es von orthodox-marxistischer Seite vorgebetet wird, sondern der Versuch einer negativen Aufhebung des Kapitalverhältnisses. Antisemitismus richtet sich in erster Linie gegen die Moderne. Abstrakte Prinzipien, wie die Herrschaft der Verhältnisse im Kapitalismus werden auf die Juden projiziert und dadurch in greifbaren Personen konkretisiert. In letzter Konsequenz kann sich also – laut antisemitischem Weltbild – abstrakter Herrschaft durch Auslöschung konkreter Personengruppen entledigt werden. Die Shoa war genau dieser Versuch. Wird Antisemitismus von seinen Vertreter_innen unbeirrt zu Ende gedacht, so verbirgt sich in ihm immer ein Element der „Erlösung“. Grigat attestiert diesem Prinzip sogar, dass wer „seine eigenen [antisemitischen] Wahnvorstellungen ernst nimmt, zwangsläufig zur sogenannten ‚Endlösung‘ gelangt.“ [6] Dieser Erlösungsantisemitismus benötigt keine Gründe, welche sich außerhalb der antisemitischen Projektion befinden – auch „ökonomische Gründe“ (also die alte Formel: „Hinter dem Faschismus steht das Kapital“) spielen keine Rolle. Adorno und Horkheimer bemerken in der Dialektik der Aufklärung bereits: „Gegen das Argument mangelnder Rentabilität hat sich der Antisemitismus immun gezeigt. Für das Volk ist er ein Luxus.“ [7] Die Shoa zeigt, dass in letzter Konsequenz auch kriegswichtige Ressourcen [8] verwendet werden, um das Projekt der Judenvernichtung voranzutreiben.

Antisemitismus erwächst insofern aus der Verwalteten Welt, als dass er versucht, den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit aufzulösen. Diesem regressiven Prinzip muss eine Kritik der Verhältnisse und eine Verteidigung erreichter Freiheiten entgegen gesetzt werden.

Israel & Antizionismus

Offener Antisemitismus wird in Deutschland nach der Shoa gesellschaftlich weitestgehend geächtet. Vielmehr äußert sich Antisemitismus in Form von Antizionismus unter dem Deckmantel der vermeintlichen „Israelkritik“. Nur ist diese keine Kritik im eigentlichen Sinne. Sie ist als „Umwegkommunikation“ [9] zu verstehen, als Erscheinungsform antisemitischer Ressentiments, die sich ihre „[…] Projektionsfläche im Staat Israel, der Idee des Zionismus und/oder der Politik Israels sucht.“ [10]

Israel als jüdischer Staat dient Juden_Jüdinnen als Schutzraum vor Verfolgung und Unterdrückung und ist unter Berücksichtigung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse als einzig adäquater Weg zu begreifen, ein wiederholtes Auschwitz zu verhindern.

Doch ist Israel selbst der Jude unter den Staaten, ebenso wie Abgrenzung und Anpassung im Verhalten von Jüdinnen und Juden auf antisemitisch begründete Ablehnung treffen, so wird auch die Politik Israels stets argwöhnisch betrachtet. Egal, wie sich nun jeweilige israelische Regierungen verhalten, den Antisemit_innen ist es nie Recht. Im Zuge dessen tritt der Antizionismus als öffentlich weniger sanktionierte, salonfähige Version des Antisemitismus insbesondere dann zutage, wenn medial mit doppelten Standards Kampfhandlungen Israels – die zur Abwehr von antisemitischem Terrorismus und geplanter Vernichtung des Staates Israels erforderlich sind – wahlweise als nicht länger zu tolerierendes Unrecht oder absolute Unverhältnismäßigkeit dargestellt werden. Komplettiert wird diese antisemitische Inszenierung dadurch, dass der israelische Staat stets als Täter und Provokateur dämonisiert wird, wohingegen Gaza oft als ein „Freiluft-KZ“ und Militärschläge gegen die Hamas als „Massenmord“ bezeichnet werden. Im deutschen Kontext bedeutet dies freilich, den Versuch, das eigene Verbrechen der Shoa nun den Nachfahren der damaligen Opfer unterzuschieben. Dies ist eine Täter-Opfer-Umkehrung par excellence.

Auch wenn es Pazifist_innen bestreiten mögen, aber solange keine befreiten arabischen Gesellschaften [11] und Antisemitismus – unabhängig von seiner jeweiligen Erscheinungsform– existieren, ist Israel als „Zufluchtstätte inmitten einer Welt des Antisemitismus“ [12] gezwungen, sich mit allen Mitteln gegen eine Wiederholung von Auschwitz zu verteidigen. Diesem Versuch, den antisemitischen Wahn zurückzuhalten, muss unbedingte Solidarität entgegen gebracht werden.

Die Gruppe Antisemitismuskritik hat sich als Zusammenschluss Leipziger Studierender im Rahmen dieser bedingungslosen Sodlidarisierung zum Ziel gesetzt, Kritik des Antisemitismus und des Antizionismus in den universitären Raum zu tragen und in Form von Publikationen und Vorträgen einen Beitrag zum Fortschritt der Aufklärung zu leisten.

1 Siehe: https://baaleipzig.wordpress.com/2014/10/26/offener-brief-an-das-kultur-und- kommunikationszentrum-nato-e-v/
2 So passiert bei und nach einer Demo am 17. Juli 2014: https://www.chronikle.org/ereignis/antisemitische-parolen-pro-palästina-kundgebung
3 Die nicht gegenderte Formulierung “Der Jude” verweist im Nachfolgenden auf das Konzept/ Prinzip des Juden im antisemitischen Sprachgebrauch und nicht auf konkrete Individuen.
4 Adorno, Theodor W. 1951. Minima Moralia: Reflexionen aus dem beschädigten Leben. S.61 https://giuseppecapograssi.files.wordpress.com/2013/08/minima_moral.pdf
5 Initiative Sozialistisches Forum Freiburg. 2002. Der Kommunismus und Israel. S.6 http://www.isf- freiburg.org/isf/beitraege/pdf/isf-kommunismus.israel.pdf
6 Grigat, Stephan. 1997. Ökonomie der „Endlösung“? Antisemitismustheorie zwischen Funktionalismus und Wertkritik. Weg und Ziel, 1997(1). S.7 http://www.cafecritique.priv.at/pdf/heim.pdf
7 Horkheimer, Max und Theodor W. Adorno. 1969. Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente. (16. Auflage, 2006). S.197 http://www.schulen.tu- darmstadt.de/hems/Hems2002/_AlteSeite/Allgemeinbildung/Horkheimer-Adorno_Antisemitismus.pdf
8 Hervorgehoben sei hier die Überlegung, mit welchem Aufwand Vernichtungslager im Osten verbunden waren, z.B. durch Deportationen von Juden_Jüdinnen durch ganz Europa.
9 Schwarz-Friesel, Monika und Jehuda Reinharz. 2013. Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. S. 195
10 Salzborn, Samuel. 2013. Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung. Kirche und Israel – Neukirchner Theologische Zeitschrift, 28(1). S.9 http://www.salzborn.de/txt/2013_Kirche- und-Israel.pdf
11 Marcuse, Herbert. Zitiert in: Grigat, Stephan. 2006. Befreite Gesellschaft und Israel: Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und Zionismus. Stephan Grigat (Hg.), Feindaufklärung und Reeducation: Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus. S.118 http://www.isf- freiburg.org/verlag/leseproben/pdf/grigat-feindaufklaerung.reeducation_lp.pdf
12 Marian, Esther. 2013. Redemptorische Gewalt: Jean Amérys Interventionen für Israel. Sans Phrase, 2. S.140
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